Das Kungfu der Mönche in Wudang Shan,
dem heiligen Berg der Taoisten

Ein Gespräch mit dem taoistischen Kungfu-Meister Yuan Xiu Gang

Von Jörg Multhaupt

Spätestens seit dem mehrfach prämierten Kinofilm „Tiger and Dragon“ von dem chinesischen Starregisseur Ang Lee wissen wir von den geheimnisvollen Kampfkünsten der Mönche aus Wudang. Grund genug für uns in das große Reich der Mitte nach China zu reisen und uns ein Bild von den legendären Mönchen im Wudang Shan, dem heilgen Berg der Taoisten, zu machen.

Der Wudang Shan (Shan = Berg) liegt in der zentralchinesischen Provinz Hubei und ist der berühmteste heilige Berg des Taoismus. Das von der UNESCO als Weltkulturerbe ernannte Gebiet umfasst 72 Gipfel - der höchste von ihnen ist der Jin Ding Berg mit 1612 m Höhe. Die ersten Tempel in Wudang Shan wurden in der Tang Dynastie (618-907 n. Chr.) errichtet. Zu dieser Zeit wurde der Taoismus neben dem Buddhismus und dem Konfuzianismus zu einer der drei großen Religionen in China. Wudang Shan gilt aber auch der Entstehungsort des Wudang Kungfu, das neben dem Shaolin Kungfu zu den wichtigsten und einflußreichsten Kampfkünsten in China gilt.


Nach einer 14 stündigen Nachzugfahrt und einer mehrstündigen Fahrt mit dem Bus erreichen wir von Peking aus die kleine Provinzstadt Wudang am Fuße des Wudang Berges. Hier lebt und unterrichtet der taoistische Mönch und Kungfu-Meister Yuan Xiu Gang. Der taoistische Name des heute 36 jährigen ist Shi Mao. Meister Yuan ist Kungfu Meister in der 15 Generation des Wudang-Kungfu Begründers Zhang San Feng, der im 14 Jahrhundert in Wudang Shan lebte. Der Legende nach hat Zhang San Feng, als er sich tief in die Berge zur Meditation zurückzog, den Kampf einer Schlange mit einem Kranich beobachtet. Die Schlange wich den harten und gefährlichen Hieben des Schnabels des Kranichs mit weichen Bewegungen immer wieder geschckt aus bis dieser schließlich erschöpft aufgab. Durch diese Beobachtung inspiriert, leitete er daraus das Prinzip des weichen Kämpfens mit innerer Kraft ab.

Mit meinem Freund und Dolmetscher Yongjun treffe ich Meister Yuan Xiu Gang ausserhalb der Stadt in der alten Klosterruine „Yuxu-Palace“, die ihm als Trainingsstätte für den Unterricht mit seinen Schülern dient. Diese im Jahre 1413 erbaute Anlage gehörte mit über 2000 Räumen zu den größten Tempelanlagen in Wudang. Im Jahre 1745 wurde Yuxu Palace teilweise zerstört. In der Mitte dieser weitläufigen Anlage stehen heute noch zwei Pavillons, in denen jeweils eine Steinfigur auf einer Schildkröte steht, deren Gewicht mehrere hundert Tonnen beträgt.
Meister Yuan trägt eine traditionelle taoistische Mönchsrobe und seine langen Haare sind zu einem Dutt auf seinem Kopf zusammen gebunden, dem typischen Erscheinungsbild eines taoistischen Priesters. Meister Yuan begrüßt uns mit einer leichten Verbeugung. Seine Hände sind dabei vor dem Bauch so verschränkt, dass seine Finger mit beiden Daumen ein Yin -Yang Zeichen bilden. Auch dies ist typisch für die Mönche in Wudang. Mit einem sanften Lächeln und ruhiger Stimme bittet er uns an einem der beiden Pavillons im Schatten Platz nehmen. Die Sonne brennt an diesem Tag im Juli gnadenlos durch den wolkenlosen Himmel und so setzen wir uns auf die Stufen am Fuße einer dieser gewaltigen Steinfiguren. Auch die Schüler von Meister Yuan trainieren an diesem Tag an einem schattigen Platz vor dem großen Eingangstor vom Yuxu-Palace. Nachdem uns einer der Schüler, ein junger Mann mit langen schwarzen Haaren, eine Flasche Wasser zur willkommenen Erfrischung gereicht hatte, beginnen wir mit dem Gespräch.

Jörg Multhaupt: „Meister Yuan, zuerst einmal vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit nehmen, uns einige Fragen zu beantworten. Wann hatten Sie sich dazu entschlossen Wudang Kungfu zu trainieren und taoistischer Mönch zu werden?“

Yuan Xiu Gang: „Als kleiner Junge war ich schwer an Rheuma erkrankt. Obwohl ich zu dieser schon bei verschieden Meistern Kungfu trainiert hatte, schickten mich meine Eltern nach Shaolin in die Provinz Henan, um dort Kungfu zu trainieren. Ich war damals 16 Jahre alt. Sie müssen verstehen, dass für uns Chinesen Kungfu nicht einfach nur Sport ist. Jede Übung, jede Bewegung und Atemtechnik hat auch eine therpheutische Wirkung. Und von den Shaolin-Meistern wußte ich, dass sie auch sehr gute Ärzte sind. Tatsächlich hat mir die Zeit dort sehr gut geholfen. Meine Beschwerden wurden von Tag zu Tag weniger und nachdem ich dort drei Jahre lang Shaolin-Kungfu, traditionelles Sanda und Qigong gelernt hatte, war meine Krankheit geheilt. Im Jahre 1991 entschloss ich mich dann nach Wudang zu gehen. Zum Einen hat mich der Taoismus immer stark beeindruckt, zum Anderen aber wollte ich, beeindruckt durch meine Heilung durch das Üben von Kungfu, meine Kenntnisse an den „inneren Kampfkünsten“ vertiefenden. In Wudang wurde ich Schüler von Großmeister Zhong Yun Long. Er lehrte mich alles über das innere Kungfu wie Taiji, Xingyi, Bagua und Meditation.
1993 wurde ich dann taoistischer Mönch und studierte im Zi Xiao Gong Tempel Taoismus. In dieser Zeit lernte ich auch taoistische Akkupunktur und Kräutermedizin.“

J.M.: „Neben dem Erlernen des Kungfu studierten Sie also auch Religion und Medizin. Ich kenne das auch von den buddhistischen Mönchen in Shaolin. Muss also ein guter Kungfu-Meister auch ein guter Arzt und gläubiger Mönch sein?“

Y.X.G.: „Ich glaube dass wir Taoisten uns da nicht wesentlich von den Buddhisten in Shaolin unterscheiden. Wer als Arzt die inneren Zusammenhänge des menschlichen Körpers verstehen will, kann das nur durch das Üben der inneren Kampfkünste erkennen, erleben und spüren.
Wir Taoisten sind immer bemüht, Mittel und Methoden für ein gesundes und langes Leben zu finden. Die Methode von Yin und Yang gehört zu den wichtigsten Prinzipien des Taoismus. Der Einklang der Gegensätzlichkeit sowie das Geheimwissen um Kräuter und besondere Medizin sind der wichtigste Bestandteil der taoistischen Gesundheitslehre. Aber auch der richtige Umgang mit der körpereigenen Energie Chi, der Tiefenatmung, bietet sich als Rezept für ewige Gesundheit an. Wir versuchen, das Leben ganzheitlich zu gestalten und im Einklang mit der Natur zu leben.“

J.M.: „Ihr Meister Zhong Yun Long gilt als einer der ganz großen Kungfu-Meister in China. Was macht er jetzt und wo lebt er?“

Y.X.G.: „Mein Meister hat sich vor einiger Zeit tief in die Wudang Berge zurückgezogen. Er hat sich ganz der Kultivierung seines Geistes und Körpers gewidmet. Wo er genau lebt ist keinem bekannt. Aber als sein Meisterschüler werde ich in seinem Sinne Wudang-Kungfu an meine Schüler weitergeben. Und das nun in der 15ten Generation des Wudang-Kungfu Begründers Zhang San Feng.“

In der nächsten Ausgabe von Budo-Karate führen wir das Gespräch mit Meister Yuan Xiu Gang weiter. Er erzählt über die Wudang Kampfkünste wie z.B. Tai Ji Quan und über das 5 Tiere Qigong.

Text u. Fotos: Jörg Multhaupt